Wie kann ich Angehörigen helfen, die Pflege verweigern?

Hilfs- oder Pflegebedürftigkeit kann jeden treffen – und das in jedem Alter. Sie kann von Geburt an bestehen, sich langsam entwickeln oder ganz unerwartet eintreten – durch eine Erkrankung, einen Schlaganfall oder Unfall. Sie kann vorübergehend sein, oder auch auf Dauer notwendig werden. 

Hilfsbedürftigkeit bedeutet in jeder Situation, dass ein klein wenig der Selbstständigkeit verloren geht. Hilfsbedürftigkeit schürt in vielen Menschen Angst. Diese Angst äußert sich häufig in Form von Wut, Aggressivität, Ablehnung und Starrsinnigkeit. 

Viele Angehörige pflegebedürftiger Menschen verzweifeln oft, wenn es darum geht den geliebten Menschen davon zu überzeugen Hilfe zuzulassen, ob durch die Angehörigen selbst, oder einen externen Dienstleister. Dabei versucht die hilfsbedürftige Person nicht bewusst ihre Angehörigen zu verletzen, sondern positioniert sich in einer Abwehrhaltung, die die eines Teenagers gleichen mag. 

Um dir den Zugang zu deinen Liebsten zu erleichtern und dir eine bessere Konfrontation mit diesen und der Situation zu ermöglichen, haben wir Dir ein paar Tipps vorbereitet.


Perspektivenwechsel

Versuche dich in die Lage der pflegebedürftigen Person hineinzuversetzen. Viele Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, haben innerlich die Angst, dass sie Ihre Autonomie verlieren bzw. aufgeben müssen. Hinter jeder Wut und Aggression steckt eine Angst. Wichtig ist zu erkennen, welche Ängste im Vordergrund stehen und wie sich diese nehmen lassen. 

Beispielsweise reagiert deine 80- jährige Oma wütend, wenn du auf sie zugehst und ihr sagst, dass ab sofort ein Betreuungsdienst die Einkäufe für sie übernehme, da sie selbst zu schwach und unsicher dafür ist. Deine Oma reagiert in diesem Moment wütend und lehnt den Betreuungsdienst strickt ab. 

Deine Oma hat vielleicht die Angst, dass sie nicht mehr selbst bestimmen kann, was sie gerne einkaufen würde und dass sie nicht mehr die Möglichkeit haben wird, durch die Läden zu schlendern, um sich inspirieren zu lassen. 

Eine alternative Herangehensweise wäre zum Beispiel, dass du zusammen mit deiner Oma einkaufen gehst und sie in Situationen in denen eine Gefahr entsteht oder deine Oma erschöpft ist, darauf hinweist, dass es doch zu zweit zum Einen mehr Spaß macht einzukaufen und dass es ihr zum Anderen mehr Sicherheit bietet, wenn es ihr mal schlecht geht. Nun ist es sicherlich nicht möglich immer selbst mit der Oma einkaufen zu gehen und ein externer Dienstleister soll diese Aufgabe übernehmen. 

Du solltest dich nun wieder Fragen, wie du auf deine Oma zugehen solltest, sodass ihr vermittelt wird, dass die externe Hilfe ihre Selbstständigkeit fördert und ihre eigene Entscheidungsmacht erhalten bleibt. 

So könntest du zum Beispiel auf deine Oma zugehen und ihr mitteilen, dass du evtl. bedingt durch deine Arbeit nicht immer die Zeit hast mit ihr einkaufen zu gehen und du dir überlegt hast, einen externen Dienst dafür einzustellen. Gleichzeitig solltest Du ihr mitteilen, dass du deshalb trotzdem genauso häufig zu ihr kommst und ihr stattdessen die Zeit für das gemeinsame Verarbeiten der gekauften Lebensmittel oder aber ein gemeinsames Anprobieren der Kleidung etc. nutzen könnt. Der externe Dienst wird sie bei den Einkäufen lediglich begleiten, um sicher zu gehen, dass ihr während des Einkaufes nichts passiert und sie dabei unterstützt, die schweren Taschen in die Wohnung zu tragen. Du solltest dabei in den Vordergrund stellen, dass durch die externe Hilfe die Selbstständigkeit gewahrt und gefördert wird. Außerdem könntest du deiner Oma anbieten, dass ihr gemeinsam die „Bewerber“ anhört und entscheidet, welcher externe Dienstleister in Frage kommt. 

Der Perspektivenwechsel ist eine sehr gute Methode, um zu erkennen, woher die Ablehnung, Wut und Aggression kommen. 


Geduld

Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt ist die Geduld. Die Akzeptanz der eigenen Pflegebedürftigkeit entsteht nicht von heute auf morgen, es ist ein Prozess der je nach Mensch und Situation verschieden viel Zeit benötigt. Dränge deine Angehörigen nicht dazu eine Entscheidung treffen zu müssen, versuche schon gar nicht sie mit selbst getroffenen Entscheidungen zu überrennen. Vielmehr kannst du versuchen in Situationen in denen Hilfe nötig wäre darauf zu verweisen, wie die Situation mit Hilfe hätte besser verlaufen können und dass Hilfe nicht bedeutet Selbstständigkeit zu verlieren, sondern Selbstständigkeit zu erhalten und zu fördern. 

Es kann immer wieder zu Situationen kommen, in denen du dich überfordert fühlst und die Wut in der steigt. In solchen Situationen kann es durchaus helfen den Raum für einige Minuten zu verlassen und einmal bewusst tief durchzuatmen. Versetze dich in die Lage der hilfsbedürftigen Person und versuche die Angst zu entdecken, die für die jetzige Situation verantwortlich war. 


Step by Step

Wie ich bereits erwähnt hatte ist der Prozess der Gewinnung von Akzeptanz der eigenen Hilfsbedürftigkeit schleichend und individuell. Dies solltest du auch bei der Wahl der Unterstützung berücksichtigen. Überhäufe deine Angehörigen nicht mit allen möglichen Aufgaben die übernommen werden können. Ist der erste Schritt erstmal getan und die Einkäufe werden zusammen erledigt, dann gib deinen Angehörigen die Zeit sich mit dieser Situation vertraut zu machen. Insofern ein externer Dienstleister vorhanden ist muss erst einmal Vertrauen aufgebaut werden. Sobald deine Oma sich auf das gemeinsame Einkaufen und die Hilfe durch „fremde“ Personen gewöhnt hat, kannst du schrittweise beginnen, andere Situationen aufzuzeigen, in denen fremde Hilfe vielleicht gar nicht so verkehrt wäre. Lass deine Oma spüren, dass sie die Person ist, die die Entscheidung trifft, auch wenn du sie schon längst getroffen hast. Schrittweise (step by step) wird sie erkennen, was Hilfe eigentlich bedeutet und wie diese ihr Leben bereichert und erleichtert. 


Rollenwechsel Eltern-Kind-Beziehung

Gerade wenn die eigenen Kinder die Eltern pflegen möchten, kann es zu verschiedenen Meinungen und Ablehnung kommen. Die Eltern, die sich fürsorglich das ganze Leben um die Kinder gekümmert haben, sollen nun von diesen gepflegt werden. Die Rollen werden quasi getauscht. Diese Situation ist sowohl für die Eltern als auch für das Kind völlig neu und ungewöhnlich. Beide Parteien benötigen viel Zeit und Verständnis, um dies zu akzeptieren. Auch hier solltest du die letzten Tipps beherzigen und nicht direkt verzweifeln. Hauptsächlich bei der Körperpflege trifft man oft auf Ablehnung. Eltern möchten nicht von ihren Kindern gewaschen werden und in die Rolle der hilfsbedürftigen Person wechseln. Auch hier ist es ratsam schrittweise zu beginnen und evtl. mögliche Hilfsmittel aufzuzeigen und auszuprobieren. Du kannst anbieten, dass du erstmal nur in der Nähe stehst um aufzupassen, dass sie nicht fällt. Du könntest auch anbieten nur die Bereiche zu waschen, die sie nicht mehr erreichen, wie z.B den Rücken. Es ist wichtig, dass Kompromisse geschlossen werden und beide Parteien sich einig werden über die Art und den Umfang der Hilfe. 


Verhalten bei an Demenz erkrankter Personen

Bei Menschen, die an Demenz erkrankt sind, ist es oftmals ratsam nicht ganz zu viele Informationen bereitzustellen. Wie ich bereits in meinem Blogartikel zu dem Thema Demenz berichtet habe, können diese Menschen nicht viele verschiedene Informationen verarbeiten und sind leicht überfordert. Hier ist es ratsam besonders auf die Unterstützung von Tätigkeiten hinzuweisen, die der betroffenen Person Spaß bereiten. Du könntest zum Beispiel erwähnen, dass es eine Person geben wird, die extra vorbeikommt, um zusammen spazieren zu gehen, das Lieblingsessen zuzubereiten, Lieblingsspiele zu spielen oder oder oder…  Du solltest möglichst eine positive Verknüpfung herstellen, sodass direkt Freude entsteht. Gehe nicht auf jede einzelne Tätigkeit ein, die von der Pflegeperson durchgeführt wird, gerade nicht, wenn es Tätigkeiten sind, die von Vornherein nicht gemocht werden (zum Beispiel das Duschen).


Externe Hilfe zulassen

Eigene Familienangehörige, Kinder, Tante, Enkel, die eigene Angehörige pflegen kommen oft an ihre Grenzen und wissen keinen Ausweg. Es gibt externe Hilfe, die dir zum einen Helfen kann, wie du dich selbst nicht vernachlässigst und dir Wege aufzeigt, die dich unterstützen können. Nutze Foren, in denen pflegende Angehörige sich austauschen, glaube mir, es gibt sehr viele pflegende Angehörige, die mit ähnlichen Situationen konfrontiert werden. 

Externe Hilfe bietet sich zudem aber auch an, um Überzeugungsarbeit bei den pflegebedürftigen Angehörigen zu leisten. Dies kann in Form von Beratungen stattfinden, Schnuppertagen (Tagespflege) uvm. 

Manchmal trifft man auf Extremsituationen in denen man selbst jegliche Kraft und Hoffnung verliert. Darauf haben sich ein Beraterinnen-Team spezialisiert.  Auf dieser Internetseite findest du viele Tipps, aber auch die Möglichkeit einer Telefon- oder Online Beratung:

www.pflegen-und-leben.de 


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